„kunst.orte“ in Lippstadt

Zwei Personen knien auf einer Straße und arbeiten gemeinsam mit einer Schablone und Sprühfarbe. Eine Person trägt einen weißen Kittel mit Hemd und Krawatte, die andere eine Warnweste und einen roten Schutzhelm. Neben ihnen liegen Kreidestücke auf dem Asphalt, im Hintergrund sind Bäume und Grünflächen zu sehen.

kunst.orte ist eine partizipative Kunstaktion im öffentlichen Stadtraum, die untersucht, wie durch Interventionen temporäre Räume für Kultur geschaffen werden. Die Stadt wird dabei als Arbeitsfeld verstanden: Orte werden markiert, kommentiert und spielerisch transformiert.

Wie viele Mittelstädte befindet sich Lippstadts Innenstadt im Wandel. Leerstände und Fragen nach Aufenthaltsqualität prägen den Stadtraum, während dieser zugleich stark frequentiert ist – jedoch vor allem als Durchgangs- und Nutzungsraum. Das Projekt kunst.orte setzt genau hier an, indem es den Stadtraum nicht physisch verändert, sondern in seiner Wahrnehmung verschiebt. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass öffentliche Räume nicht statisch sind, sondern durch Handlungen, Routinen und Begegnungen fortlaufend neu hergestellt werden.

kunst.orte versteht die Stadt daher nicht als Kulisse, sondern als Gefüge aus Regeln, Erwartungen und alltäglichen Bewegungen. In diese bestehenden Abläufe greifen zwei Performance-Künstler gezielt ein, indem sie sich durch die Innenstadt bewegen und situativ mit Passant:innen in Kontakt treten. Ohne Ankündigung oder festgelegten Aufführungsrahmen entstehen kurze, offene Handlungssituationen: Durch einfache Mittel wie einzelne Worte, Buchstaben oder kurze Textfragmente werden Impulse gesetzt, die Passant:innen dazu einladen, selbst aktiv zu werden. Sie können Begriffe ergänzen, Spuren hinterlassen oder Orte für einen Moment anders nutzen.

Der Ablauf der Intervention entwickelt sich dabei aus der Situation heraus. In einer ersten Phase werden Wege, Übergänge und Zwischenräume bespielt, indem temporäre Markierungen entstehen, die Aufmerksamkeit erzeugen und zur Beteiligung anregen. Bewegung wird so selbst zur künstlerischen Handlung. In einer zweiten Phase verdichten sich diese Impulse an einem zentralen Ort, an dem aus vorgegebenen Fragmenten gemeinsam Texte entstehen können. Dieser Ort fungiert für begrenzte Zeit als offener Kommunikations- und Kulturraum, ohne seine Alltagsfunktion vollständig zu verlieren.

Die Künstler übernehmen dabei keine erklärende oder anleitende Rolle im klassischen Sinne, sondern initiieren, beobachten und moderieren die entstehenden Prozesse. Kunst entsteht im Moment der Begegnung und ist nicht reproduzierbar. Zwischen Gehen und Verweilen, Aneignung und Rückzug bilden sich flüchtige Situationen, in denen sich zeigt, wie öffentlicher Raum temporär neu gelesen und genutzt werden kann. Auf diese Weise untersucht kunst.orte, wie Kunst im Stadtraum sichtbar wird, ohne institutionellen Rahmen, und wie sich Orte kurzfristig vom Durchgangsraum zum Aufenthalts- und Kulturort verschieben.

Foto: Projekt 55 © Susanne Schröder

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Projekt 55

Projekt 55 ist eine interdisziplinär arbeitende Künstlergruppe aus Lippstadt, die seit ihrer Gründung im Jahr 2020 mit performativen Interventionen, Street-Art und partizipativen Kunstaktionen im öffentlichen Raum in Erscheinung tritt. > mehr